Die Erinnerung an den Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers gehört seit 2009 fest zur Agenda des Gedenkmonats September. Die Bank ist zum Symbol der Finanzkrise geworden und nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ein weiterer Meilenstein in der US-amerikanischen Geschichte.
Doch welche Symbolkraft hat die Insolvenz der New Yorker Bank tatsächlich? Der Al-Qaida-Anschlag auf die Twin Towers hat uns gelehrt, dass es im Morgenland einen bösen Feind mit Turban, Bart und großer Nase gibt. Derartig "konkrete" Assoziationen kann der märchenhafte Untergang der Gebrüder Lehman jedoch kaum wecken, zumal das Ereignis nur vergleichsweise unspektakuläre Bilder lieferte: Ein paar Broker, die mit Pappkartons vor dem Gebäude ihres Arbeitgebers standen.
Die Bilder der Krise beginnen langsam zu verschwimmen, der brav gekleidete und gut rasierte Bankangestellte will einfach nicht als beständiges Feindbild dienen, und auch die aufgebrachten Rentner, die in Gasthäusern ihren Feldzug gegen die Zertifikathändler bei der Citibank, Hamburger Sparkasse und Dresdner Bank planten, leiden unter Altersmilde und einem schwindenden Medieninteresse. Doch bevor uns die nächste Krise bereits beschäftigt, dient der Jahrestag der Lehman-Insolvenz immerhin noch einmal dazu, die großen Kardinalsfragen zu stellen: Was haben wir gelernt? Und was wird sich ändern?
Gewiss hat die Finanzkrise uns gelehrt, dass Banken unantastbar sind (Bauernopfer wie Lehman Brothers ausgenommen) und dass eine Milliarde neun Nullen hat. Doch wirklich geändert hat sich kaum etwas. Riskante Geschäfte gehören weiterhin zum Tagesgeschäft der Banken und blauäugige Kunden kaufen eifrig Zertifikate bei smarten Sparkassenangestellten.

Wie viel dummes Geld verkraftet die Welt?
Ein Jahr nach der Zahlungsunfähigkeit eines der größten Emittenten für Zertifikate läuft der Vertrieb in der Branche wieder auf Hochtouren: Allein in Deutschland lag das Marktvolumen für Zertifikate Mitte 2009 bei 100 Milliarden Euro. Die Banken und Anlagevermittler verdienen dabei hervorragend und optimieren deshalb ihre Vertriebsstrukturen und kreieren fleißig neue Produkte (nennen sie jetzt aber Anleihen, um unerwünschte Konnotationen zu vermeiden).
Angesichts dieser Entwicklung überrascht das Ergebnis einer Umfrage des CFA Instituts, einem unabhängigen Berufsverband für Finanzanalysten und Investmentexperten: 78 Prozent aller vom CFA Institut befragten Finanzexperten glauben, dass die aktuell am Markt angebotenen strukturierten Produkte (also auch Zertifikate) nicht für den Verkauf an Privatkunden geeignet sind (vgl. www.cfainstitute.org).
Gleichzeitig ist jedoch der Erfolgsdruck in den Vertriebsmaschinerien der Banken extrem groß. Eine Markterhebung des Fachmagazins „Der Zertifikatberater“ hat ergeben, dass 63 Prozent der befragten Finanzberater seit der Insolvenz von Lehman Brothers keine entscheidenden Veränderungen der Vertriebsvorgaben in ihrer Bank erkennen. 40 Prozent spürten in den vergangenen Monaten sogar einen verstärkten Erfolgsdruck beim Verkauf von Zertifikaten.
Was ist also das Problem? Nun, machen wir uns nichts vor: Unser gesamtes System schreit nach schnellem Profit und bringt gleichzeitig viel dummes Geld in Umlauf. Und selbst altes Geld verliert bei all den Verlockungen die Geduld. Schließlich haben wir gelernt, dass auch Geld arbeiten muss (selbst wenn der Eigentümer bereits das Rentenalter erreicht hat).
Die Ursache für unser Vergessen ist wahrscheinlich die Tatsache, dass wir die Augen vor einer weit verbreiteten menschlichen Regung verschließen: Sie heißt Gier. Die Gier nach Provisionen führt unweigerlich zu inkompetenter Finanzberatung, die Gier nach schnellen und hohen Renditen für das hart erarbeitete Eigenkapital zu blauäugigen Entscheidungen und die Gier nach Millionen zu schamlosen Bonuszahlungen. Die Finanzkrise könnte durchaus lehrreich für die Menschheit sein.
Sven Grönwoldt






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